Büchertisch

Zugegeben: Die Idee ist nicht ganz neu. Kurt Tucholsky hatte sie genannt “Auf dem Nachttisch”. Es ging darum, Bücher vorzustellen, mit denen er sich gerade beschäftigt oder beschäftigt hat.

Was liegt also näher, als sich in loser Folge mit Bildbänden, Reportagen, Reiseliteratur, fremden Ländern und Begegungen auseinanderzusetzen? Ich habe ein ganzes Regal voll. Zeit, mal wieder hineinzuschauen oder die Bücher im Regal dann bald doppelt zu stellen, da kein Platz mehr ist.


“Der Goldsucher” von J. M. G. Le Clézio


Wer Garcia-Marquez mag, wird “Der Goldsucher” lieben: opulente Sprache, ausladende Bilder, ungemein farbiger Erzählstil und eine schöne Geschichte. Alexis verlässt seine Heimat Mauritius, um nach dem Tod seines Vaters einen Piratenschatz auf der Insel Rodrigues zu suchen, in den ersten Weltkrieg zu ziehen, sich zu verlieben, zurückzukehren und letztendlich sich selbst zu finden. Wunderbar. Wer die schnelle Schreibe des 21. Jahrhunderts mag, sollte sich die ersten 50 Seiten trotzdem durch das Epos quälen und sich dann Le Clézios Tempo anvertrauen. Selten so eine bunte Bilderwelt beschrieben gelesen, habe mich reinziehen lassen und nach anfänglichen Schwierigkeiten das Buch an einem Stück fertiggelesen. Und überhaupt Mauritius: so Natur, so echt, so spannend. Und Rodrigues, 600 Kilometer von Mauritius entfernt: so Natur, so echt, so karg, so menschlich. Und trotzdem liebevoll. Da will ich hin. Le Clézio ist ein Meister der Bilder, da steht er Garcia-Marquez in nichts nach. Nur den Nobelpreis hat er noch nicht bekommen …


Fazit: Einfach ein schönes Buch.


“Expedition Mittelmeer” von Arnulf Schwarz und Matthias Etzel


Böhringen ist irgendwo auf der Schwäbischen Alb. Das ist wichtig zu wissen, denn die Gegend ist ein bisschen ab vom Schuss. Daher ist es umso bewundernswerter, wenn sich zwei Jungs auf dem Dorf auf die Pedale machen, um die weite Welt zu erkunden. Aber nicht nur einfach so. Nein, sie radeln rund ums Mittelmeer, 11.000 Kilometer in vier Monaten. 1999 war’s, dass sich Arnulf Schwarz und Matthias Etzel in Bewegung setzten. Danach erzählten sie ihre Geschichte, hielten Diavorträge, “ziehen ihre Zuhörer in den Bann ihrer Geschichten”, wie die Tageszeitung “Südwestpresse” schrieb, und irgendwann wurde ein Tagebuch daraus. Gut zu lesen, nicht nur für Radler. Einfach, direkt, ungeschminkt: “Aufgewacht mit dickem Schädel, in der Hand kein schönes Mädel, Füße stinken, Schlafsack nass, das Frühstück macht uns Riesenspaß” (S. 27). Klingt wie ein Reim von Peter Fox, klingt einfach wahr. Denn Zeit zum Denken haben die Jungs genug auf ihrer Tour. Zeit zum Beobachten und Fotografieren auch, nette Ansichten sind dabei herausgekommen: beispielsweise ein Foto aus der Türkei mit einer Palette Efes-Büchsenbier auf dem Gepäckträger oder Sätze wie “Nach 28 Kilometern auf der syrischen Autobahn kotzt uns alles an. Wir machen Pause an einem kleinen Häuschen. Es stinkt und es stellt sich heraus, dass es ein Klohäuschen ist. Doch wir haben keine Kraft mehr, den Platz zu wechseln”. (S. 77). Und so geht’s auf der Tour ums Durchhalten, um Freundschaft, um gerissene Speichen und kaputte Felgen, um Hungeräste und Seelenqualen. Doch, so viel sei verraten: Die Jungs reparieren wie die Weltmeister, erfrieren fast, werden mit Steinen beworfen, leiden unter der Ausrüstung, trinken jede Menge Bier, halten aber ihre Pläne ein, da sie sich nie entmutigen lassen. “Expedition Mittelmeer” also findet nicht nur bei Radlern einen guten Platz im Bücherregal, sondern ist auch eine nette Studie über eine Idee, deren Umsetzung und die Belohnung, die die Straße bringt.


Fazit: Sehr gut, macht Spaß, Mitleiden ist angesagt, aber Rettung immer in Sicht.


“Palo Alto” von James Franco


Es gibt so Leute, die sind grenzenlos kreativ. Heute schauspielern, morgen malen, übermorgen werden sie Fotografen und nächste Woche gibt’s eine Lesung aus den neuesten Werken. James Franco ist so einer. Spielte in “Spiderman” mit, in “Milk” und gab den David in Elisabeth Gilberts “Eat. Pray. Love”. Ist ja schon mal was. Aber der Junge kann schreiben, Teufel, Teufel. Sein “Palo Alto”, seine Geschichten vom Heranwachsen in einem amerikanischen Kaff mit Sex, Gangbang, Speed, Smack und Booze, Autounfällen und unglücklicher Liebe, diese Geschichte auf 196 Seiten sind wunderschön. Wunderschön eindrücklich, unmittelbar, glänzend lakonisch erzählt, wie es vielleicht nur im angelsächsischen Raum auf Englisch oder eben Amerikanisch geht. Franco erzählt von der Jugend. Er erzählt mit wechselnden Perspektiven, heldenfrei. Alle sind irgendwie Opfer. Die Geschichten kreisen um den Alltag im College, um besoffene Autotouren, Gruppensex im Ehebett der Eltern, Kleinkriminalität und kommen absolut authentisch rüber. Eben, um das Klischee zu bedienen: “Der amerikanische Alptraum”.


Fazit: Sehr gut, glatte 1, bleibt auf Wiedervorlage auf dem Büchertisch.



“Richtig leben mit Geri Weibel” von Martin Suter


Mit dem Suter Martin hatte ich schon ein wenig gehadert nach “Allmen und die Libellen”, was ja nun wirklich ein ganz ein müdes Buch ist. Er soll ja bereits ein ganze Reihe um seinen Helden Allmen in der Schublade haben, heißt es. Glaube ich. Und offensichtlich hat er die ganze Reihe an einem Wochenende geschrieben. Aber zurück zum Geri: Nachdem ich das Singspiel “Geri” von Martin Suter und Stephan Eicher in Zürich gesehen und mich köstlich amüsiert hatte, sollte Suter noch eine Chance bekommen. Also das Buch besorgt. “Richtig leben mit Geri Weibel – Sämtliche Folgen” sind launige, kleine Geschichten aus dem Zürich der “ChampBar”, dem “Mucho Gusto”, dem “Fisch & Vogel” oder dem “Alten Fass”. Hier hängt sie herum, die Clique von Geris Stadtmenschen. Sie haben irgendeinen Job, der ist aber nicht wichtig. Wichtig sind Stil und Etikette, Geschwätz und Geläster. Geri macht alles immer gerade nicht richtig, er ist immer knapp daneben: Bei den Klamotten, der Brille, bei den Frauen, der Wohnung und dem Urlaubsort. Er will dem Trend folgen, ihn gar setten, scheitert jedoch regelmäßig. Und kriegt am Ende doch das, was alle wollten. “Richtig leben mit Geri Weibel” erschien von 1997 bis 2002 als Serie im Folio der Neuen Züricher Zeitung und zieht daraus auch eine Stärke: kurze Fortsetzungsgeschichten, die für sich alleine stehen und trotzdem immer noch eine neue Entwicklung erahnen lassen. Und wo es hingeht mit Geri, das interessiert. Mich so viel, dass ich das Buch an einem Tag durchgelesen haben. Und meine, die Züricher Haut Volée jetzt ein bisschen besser zu verstehen. Darauf eine Grenadine – auch wenn sie nun überhaupt nicht in ist.


Fazit: Feiner Suter, er bringt Petitessen wortarm aber bildreich auf den Punkt. Macht Spaß, Lust auf mehr.


“Die Rückkehr” von Markus Fritsche


Markus Fritsche ist Sardinienkenner vom Feinsten. Das hat er in einigen seiner Bücher klar gemacht, “Der Inselabdruck – Fußspuren auf Sardinien” wurde sogar ins Italienische übersetzt. Und jetzt sein neuestes Werk, “Die Rückkehr”. Dahinter steckt die Geschichte von Matteo, seit 42 Jahren “Gastarbeiter” in Deutschland, gerade ist ein Gehirntumor bei ihm entdeckt worden. Heilungschancen wenig bis keine. Matteo lehnt jede weitere Behandlung ab und geht zurück an seinen Ursprung, auf seine Insel – nach Sardinien. Doch nicht um einfach zu sterben. Nein, vorher möchte er die pompöse Villa von Silvio Berlusconi in Grund und Boden bomben. Denn die gehört nicht auf die Insel, genauso wenig wie Berlusconi und seine minderjährigen Gespielinnen, die Swimmingpools, der unterirdische Bunker. Matteo also macht sich auf die Socken, um das Problem aus der Welt zu schaffen. Große Freude machen nicht nur Fritsches feine Sprache und die Wortspielereien, sondern auch seine Beschreibungen der Insel, der Menschen, des Essens, der Freundschaften, der Liebe, des Meeres. Dass er ganz nebenbei noch eine kleine Kulturgeschichte Deutschlands ab den 1960er Jahren aus der Sicht eines damals so genannten Gastarbeiters einbaut, gibt der Geschichte noch mehr Tiefe. Aber nach 117 Seiten ist Schluss.

Fazit: Gerne hätte ich noch mehr gehört über die Insel. Vielleicht aber schreibt Fritsche bald mal einen, nein: den ultimativen Sardinien-Reiseführer.



“Arbeitswelten – Einblicke in einen nichtöffentlichen Raum” von Werner Bachmeier und Udo Achten

Der Fotograf Werner Bachmeier ist seit vielen Jahren mit einer Mission unterwegs: das Arbeitsleben und die Veränderungen in dieser einzigartigen Welt echt und authentisch und vor allem mit dem geschulten Fotografenauge einzufangen. Um dann eben die Betrachter seiner Bilder einzufangen und mitzunehmen, zum Arbeitsplatz, hin zum Menschen. Und seine Portraits direkt aus der Arbeitswelt, direkt von der Werkbank, sind intensiv, seine Geschichten exzellent, klar und einfach erzählt. Nicht Mensch neben Maschine, sondern Mensch und/an seiner Maschine.

Höchste Zeit also für eine Ausstellung und vor allem ein Buch: “Arbeitswelten – Einblicke in einen nichtöffentlichen Raum” heißt das gute Stück, aufgeladen mit viel Arbeit und vielen (Ein)Blicken. Bachmeier schaut genau durch sein 17- bis 22-mm-Auge, lässt nichts aus, der Mensch ist immer im Mittelpunkt. Der Mensch in seiner Würde und seiner Bedeutung für die Gesellschaft, an seinem Arbeitsplatz – mit seinem Stolz. In der Elektro-, Metall-, Stahl-, Chemie- und Autoindustrie genauso wie im Mittelstand, Handwerk und dem Dienstleistungsgewerbe. Also ein Opus für die Arbeitswelt, geadelt durch ein Grußwort von Gewerkschaftsboss Michael Sommer. Und Udo Achten als Mann des Wortes gelingt es, auch hier den Kontext zu schaffen, die Arbeitswelt zu beschreiben – mit ihren Veränderungen, Herausforderungen, in ihren Auswüchsen, ihren Herausforderungen und der sozialen Stellung für die arbeitenden Menschen. Schön, dass es auch eine begleitende Ausstellung im Haus der Geschichte des Ruhrgebiets in Bochum vom 12.10. bis 30.11.2010 gab.

Fazit: Der Griff zum Buch im Regal lohnt jedes Mal aufs Neue.


“Hundert Jahre Paradies – Die Schaffung einer indonesischen Ethnie aus Bali” von Mario Koch

Klingt sperrig der Titel, deutet auf den wissenschaftlichen Ansatz hin und ist eine Magisterarbeit. Und über Bali gibt’s ja nun wirklich einen ganzen Schrank voller wissenschaftlicher Abhandlungen. Aber bei der Menge an eigenen Unterstreichungen, die mich gerade beim nochmaligen Durchblättern angesprungen haben, muss an “Hundert Jahre Paradies” was dran sein. Mario Kochs Machwerk also ist gut lesbar und verständlich. Nicht zu viele akademische Worthülsen, sondern gute Recherche und eine meiner Ansicht nach saubere Arbeit über Bali. Ich denke, ich kann’s einigermaßen beurteilen, bin gerade dort;-) Konkret geht’s darum, und da hat Koch ganz artig Kollegen Vickers aus Sydney gelesen, wie wir anderen Quasi-Balispezialisten auch, dass das Paradies Bali gebaut wurde. Und irgendwie nicht echt ist. Oder gerade, weil es so authentisch wirkt, von schlauen Menschen zu einem Freilichtmuseum gemacht wurde. Die Holländer als Kolonialmacht rückten die Schönheit ihrer Kolonie ins rechte Licht, um von den Massenmorden 1906 und 1908 abzulenken, die Deutschen nach Gregor Krause machten sich per Kamera und Essig und Öl auf die Suche nach den nackten Brüsten, die Indonesische Regierung selbst baute nach dem Zweiten Weltkrieg per Fünfjahrespläne Bali zum Nah- und Fernerholungszentrum aus. So what, könnte man sagen, ist doch schön hier. Stimmt ja auch. Ein bisschen viel Verkehr vielleicht, aber die Menschen sind nett und freundlich, alles ist gut. Die Dorfverwaltung, Banjar, hat alles im Griff und bestraft Diebstähle ohne Hilfe der Polizei. Dafür aber nachhaltig. Ja, auch das Banjar wurde von schlauen Menschen kreiert. Aber die Balinesen leben gut mit ihrem Projekt. Und machen sich wenig Sorgen um ihre Identität oder das Ich oder so. Sie feiern lieber eine Verbrennungszeremonie. Und alles Schlechte kommt sowieso von außen, klar, aus Java, klar. Aber aus Java kam auch die gebliebte Majapahit-Kultur nach Bali. Die sich hier erhalten hat, umgeben vom feindlichen Islam. Da sind sie sich einig. Zurück zu Mario Koch: Mit seinen Erläuterungen zur “Ajeg Bali” – “Starkes Bali”-Kampagne hat er bei mir einen Kronleuchter angeschaltet. Denn die Kiste hatte mich besonders interessiert, so auf der Suche nach dem “Balinese Spirit of Resistance”. Ajeg Bali also ist eine Kampagne eines nationalistischen Zeitungsmoguls. Ähnlich Blocher in der Schweiz. Nix dahinter. Bei den Balinesen in Penestanan zum Beispiel kommt das nicht an. Sie wollen einfach ihr Ding machen und sind stolz auf ihre Identität. “Hundert Jahre Paradies” also erklärt einiges, verdeutlicht vieles.

Fazit: Vielleicht keine Lektüre für den Liegestuhl im PADMA-Resort in Legian auf Bali, aber für den Schreibtisch und zur Vorbereitung einer Kulturreise nach Bali – dem echten, authentischen Bali, wie es von schlauen Menschen gemacht wurde.


“Ohne Geld bis ans Ende der Welt” von Michael Wigge

Ja, da zog einer los. Ohne Kohle, ohne Illusionen. Einfach zur Tür raus und immer weiter, Richtung Süden. Zu Fuß. Sechs Monate “durch die Welt der Sesshaften”, diese Welt aus einer anderen Perspektive sehend und erlebend. Und darüber hat er dann ein Buch gemacht. Ein richtig gutes Buch. Hervorragend zu lesen, spannend, sprachlich vom Feinsten. Ja, das hat er gut gemacht, der Michael Holzach. 1982 kam das Buch “Deutschland umsonst – Zu Fuß und ohne Geld durch ein Wohlstandsland” raus. Und fast 20 Jahre später versucht sich Michael Wigge, mehrfach für seine Reportagen ausgezeichnet, an einem ähnlichen Projekt. Nur: Holzach hat seinen Hund dabei, Feldmann, Wigge sein Netbook. Holzach hört den Menschen zu, Wigge seinem iPod, der ihm dann am Strand von Hawaii gestohlen wird. Macht nix. Aber von vorne: Wigge startet also von Köln und gelangt in die Antarktis. Ohne Kohle. Aber mit Geld, das er sich unterwegs verdient. Und mit Unterstützung seiner zahlreichen Freunde, die ihm mal eben einen Trip auf einem Containerschiff oder einem Antarktis-Forschungsschiff verschaffen. Ganz nett. Ein paar nette Anekdoten sind drin. “Lonely Planet” bekommt sein Fett weg, das ist immer gut, Peter Fox kommt vor, der Begriff “Starbucks writer” war mir neu und ich weiß jetzt endlich, wer diese wundervoll weiche Version von “Somewhere over the rainbow” singt: der Hawaiianer Kamakawiwo’ole. Gut, habe ich was gelernt. Aber jetzt kommt das “Aber”: Mei, was für Geschichten der liebe Michael erzählen könnte, wenn es doch richtig gut erzählen könnte. Eben Holzach-mäßig. Also nicht nur das Konzept mitnehmen, sondern auch ein wenig Schreibe. Aber so ist das Büchlein nett – ohne viel dahinter. Irgendwie Kerkeling-mäßig. Auch nicht prickelnd geschrieben, aber trotzdem erfolgreich. Und das ist natürlich schön für Michael Wigge. Und schön für Holzach, der leider viel zu früh gestorben ist. Denn jetzt lese ich erstmal wieder “Deutschland umsonst”.

Fazit: Ganz nett für ein verregnetes Wochenende. Aber “Where’s the beef?”, daher ne 2 bis 3.


“Under the Dome” von Stephen King

Zugegeben: Manchmal bin ich ein Angeber. Vor allem, wenn ich damit prahlen will und kann, 877 Seiten Stephen King auf Amerikanisch quasi in einem – unwillig durch Arbeitmüssen unterbrochenen – Zug durchgelesen zu haben. Amerikanisch, weil die deutsche Version schlechte Besprechungen bekommen hat bei den Kollegen aus dem Feuilleton. Also musste das Original her. Ist ja wie in Südostasien: In jedem trashigen, mückenverseuchten Bookshop gibt’s meterweise Stephen King. Auf Amerikanisch. Er ist nunmal einer, kann ja nix dafür. Aber er macht das Beste draus. Back to where we startet: “Under the Dome” ist sein neustes Machwerk und gerade auf Medienkarriere durch alle Zeitungen. Das verstehe ich gut. Das Buch ist einfach genial. Kings Sprache fesselt mich schon immer. Diese Lakonie, das können nur die Amis, und King ist deren König. Eine Stadt beschreibt er, 2.000 Einwohner schwer, viele, eigentlich alle, haben Dreck am Stecken, und am Ende – ganz shakespearesk und biblisch nach sieben Tagen – sind fast alle tot. Denn vom Himmel ist eine Glocke gefallen, die Chester’s Mill vom Rest der Welt abschneidet. Grandios, was für ein Set. Was es mit der Glocke auf sich hat, wird hier natürlich nicht verrraten. Aber wer King kennt, ich sage nur:  Fremde Mächte, Sünde, Verbrechen, Katharsis, Tod und Überleben. Kennen wir von King. Aber noch nie so fein, so gut, so elegant, so minutiös beschrieben. Manchmal schmerzt die Ausweglosigkeit des Schicksals, manchmal amüsiert die Vorhersehbarkeit der Story, aber immer macht es Spaß. Spaß, einfach immer weiterzulesen. Doch nach 877 Seiten ist  Schluss. Stephen, what’s next?

Fazit: Ganz amazonig: 5 Punkte, Highscore, mehr geht nicht, was kommt jetzt?


“Notbremse nicht zu früh ziehen – Mit dem Zug durch Indien” von Andreas Altmann

Also, der Altmann, der ist eine richtig coole Sau, um das mal auf gut schwäbisch zu formulieren. Allein das Foto neben der Indienkarte: Altmann im lässigen Schneidersitz an einem lässigen Strand mitm lässigen Zigarillo im Mundwinkel und einem lässigen Apple-Laptop, und so schreibt er auch: lässig. Und, ich muss sagen, das gefällt mir gut, diese Wiederentdeckung von Altmanns Zuggeschichten aus Indien. Weil es stimmt. Weil ich es auch so erlebt habe, weil ich mich wohlfühle bei seinen Beschreibungen und Begegnungen. Und weil er manchmal richtig gute Sätze absondert: “Ich bin traurig. Don’t look back, ich hätte es wissen müssen. Nie sollte man an Orte seines früheren Lebens zurückkehren. Weil Zustände sich ändern, ändern müssen. Weil die Gegenwart nie mithalten kann mit der Erinnerung. Sie verliert immer.” (S. 35 f) Nicht schlecht, auch wenn ich dem nicht mehr unbedingt zustimme. Aber: Das Buch ist gut, ist treffend, schöne Einstiegsprosa für Indien und manches historisches Schmankerl gibt’s gratis dazu. Zugfahren in Indien ist immer eine echte Wundertüte, überraschend, spannend und wunderbar.

Fazit: Wer Indien mit dem Zug erobern will, oder auch einfach so nach Indien geht, sollte das Buch kaufen, lesen, mitnehmen, um es dann, frisch gestärkt, in Delhi gegen einen Naipaul einzutauschen.


“Thailand – Der Süden”, Stefan Loose Travel Handbücher

Ja, der Loose. War ja früher immer irgendwie der deutsche Underdog in Sachen Südostasien gegen die Übermacht des Lonely Planet. Und dann ist er auch noch unter das Dach von Mairdumont geschlüpft. So wie die Lonely-Planet-Erfinder, die Wheelers, ihre Millionen mit dem Verkauf der Reihe an die BBC gemacht haben. Aber Loose ist Underdog geblieben. Und das ist gut so, um Wowi wiedermal zu strapazieren. “Thailand – Der Süden”, habe ich strapaziert mit allen mir vorliegenden Erkenntnissen, Gerüchten, Webrecherchen. Es hat nichts genutzt: In das gute Stück, quasi direkt aus der Druckmaschine, 1. Auflage 2010, konnte ich keine Löcher schießen. Auch Khao Lak, gerade in den Medien wegen des Jahrestages des Tsunami, auch in der taz ein Thema, auch Khao Lak kommt fair weg. Genauso wie Penang, zu Travelerzeiten meine Lieblingsstadt in Asien oder Ko Phangan oder Samui oder Phi Phi. Ja, in der Julia Street in Georgetown fehlt das “Swiss Hotel”, oder ist die Bruchbude endlich verschwunden? Und das “Cathay” ist treffend beschrieben. Überhaupt: Das Team von “Thailand – Der Süden” ist schon dort gewesen, hat alles verstanden und dann schön für mich aufbereitet. Über die Rechtschreibfehler sehen wir hinweg, die Jungs und Mädels sind ja quasi Pioniere und damit per se sympathisch. Und auch über Sätze wie: “Der Rollkoffer hat den ideologischen Graben zwischen Rucksack und Koffer geschlossen (…) (S. 55). Das ist hoffentlich nonsense. Sonst macht der Begriff “Backbacker” ja keinen Sinn mehr, und Rollkoffer habe ich in der KSR oder Haad Rin zum Glück noch nicht so viele gesehen. Dafür gibt’s einen Hinweis auf “Atmosfair”, jede Menge Links, Karten, Pläne, Skizzen, Tabellen, Wahr- und Weisheiten, Tipps und Tricks. Mehr geht nicht. Im März und April bin ich Südthailand. Und, klar, planen werde ich mit dem Loose …

Fazit: Einwandfrei: 1A-Recherche, knackig, pointiert, muss in jeden Rollkoffer.


“Terra” von Sebastiao Salgado

Wie macht er das? Wie kriegt er das immer hin, das Ornamentale, das Atmosphärische, das Dichte, das Authentische? Einen echten Salgado eben? Ja, das isses, das ist das Geheimnis. Wenn Salgado loszieht, dann kommt er mit fotografierten Geschichten zurück, die vor allem eins sind: imponierend. a) wegen der Macht der schlichten s/w-Bilder, b) wegen des eingefangenen Augenblicks und c) weil Salgados Bilder den Menschen immer in seiner Menschenwürde zeigen. Den armen Menschen, den geknechteten Menschen, den toten Menschen, den neu geborenen Menschen, den schwarzen Menschen, den weißen Menschen, den schuftenden Menschen, den eingesperrten Menschen. Und hier sind wir bei “Terra”. Ein bisschen biblisch: Aus der Erde kommen wir, zu Erde werden wir, in der Erde arbeiten wir, die Erde bearbeiten wir, um das kleine Stück Land kämpfen wir. Das ist Terra. Salgado hat in seiner Heimat, Brasilien, fotografiert, in den 1980er und 90er Jahren. Noch nicht so lange her, vom Anschauen her: Steinzeit. Sklaverei. Und Salgado findet die Menschen, die den Acker bebauen, das Zuckerrohr  hacken, die demonstrieren, sterben. Und er setzt ihnen ein Denkmal. Das haben sie verdient. Ein Stück Zeitgeschichte. Wunderschön fotografiert, wenn’s nicht so traurig wäre. Würdevolle Menschen, in Armut und Elend, aber sich behauptend im Leben. Selbst, wenn das Leben auf einer Müllkippe stattfindet. Landarbeiter, Menschen vom Land, in den Städten, um das Land kämpfend. Das Ganze Buch ist eine Fotoreportage, vielleicht eine Hommage an die Erde, das Land, sicher aber an die Menschen. Am Ende noch ein paar Seiten “Zu den Bildern”, aber die braucht es gar nicht. Wir haben verstanden.

Fazit: Muss im Bücherregal stehen, muss immer wieder angeschaut werden.


“Das zweite Leben des Herrn Roos” von Hakan Nesser

Endlich stand’s bei den Bestsellern in der hiesigen Bücherei. Zwei Euro, zwei Wochen, Bargain. Und in einem Zug, ohne Witz, in einem Zug durchgelesen. Sind immerhin 525 Seiten, die runtergehen wie Öl. Nesser ist der Crack der Lakonie, der leichten Schreibe, des guten Erzählens. Seine Geschichten sind dicht, manchmal anrührend, manchmal sozialkritisch aber immer spannend. So auch “Das zweite Leben des Herrn Roos” der Geschichte eines Langweilers, der, von seiner Frau als “Glas warmes Wasser” tituliert, mit 59 im Toto gewinnt und sich in den Wald verkrümelt. Ganz Thoreau- und Walden-mäßig. Natürlich muss ihm da noch etwas passieren, sonst wär’s kein Krimi. Und Kommissar Barbarotti taucht erst auf Seite 249 auf, um den Fall dann irgendwie über die restlichen Seiten doch nicht zu lösen. Wunderbar! Schön auch, dass uns Bruce Chatwin mit seinen “Songlines” begegnet und noch schöner, dass Nesser eine Episode am Bodensee spielen lässt. Mit vermeintlichem Sex am Seeufer mit Blick auf die schweizer Berge. Klingt gut? Ist gut.

Fazit: Eine glatte 1.


“Bruce Chatwin – Photographs and Notebooks”

Bruce Chatwin war ein Held, unser aller Held, der Reiseschreiber an sich, ein Genie, viel zu früh gestorben, heute ein Mythos. Bruce Chatwin war ein heimlicher Schwuler, verheiratet, gestorben ist er nicht an einem chinesischen 100-jährigen Ei, wie er selbst vor seinem Tod behauptete. Gestorben ist er an AIDS, irgendwo geholt in irgendeinem Bordell zwischen Kuala Lumpur und Nouakchott/Mauritanien. Und hier in Mauritanien hat er einige seiner schönsten Bilder geschossen. Denn Fotografie war seine zweite heimliche Leidenschaft. Mit seiner Leica hat er viele großartige Bilder geschaffen. Die zeigen vor allem eins: der Blick Chatwins beschränkt sich nicht auf die Welt der Buchstaben. Vor allem Farben haben es ihm angetan. Und wie er sie meisterhaft mit nackten Worten beschreiben kann, so fotografiert er sie auch. So werden Fischerboote in Mauritanien zu Gemälden.  Dazu glänzt “Photographs and Notebooks” mit noch nicht per Buch veröffentlichten Auszügen aus seinen Tagebüchern. Und, oh ja: seine Notebooks. Auch sie gibt’s per Foto zu sehen. Demnächst bin ich in London auf einem Fotoreportage-Workshop. Vielleicht reicht’s ja für einen Ausflug nach Oxford. Da liegen sie, Chatwins Notebooks und warten auf mich …

Fazit: Hin und weg;-)


“Top 10 Bangkok”, Dorling Kindersley Verlag

Die Top 10 in Bangkok, was könnte das sein? Massage? Singha? KSR? Schnellboot fahren? Gut essen? Der neue Kurzreiseführer verrät’s: Auf eins steht der Wat Pra Kaeo. Wer hätte das gedacht. Mag sicher eine ansprechende Location sein, wenn man morgens um 5 vorbeikommt. Aber da ist der Tempel zu. Zu Öffnungszeiten stehen sich die Horden aus Japan, Frankreich, Deutschland, Obervolta und der Mongolei (na ja, die beiden letztern Nationen sind wohl nicht da, dafür aber die ganze Welt inklusive lauten Russen) gegenseitig in den Fotomotiven rum. Nee Leute, der Wat Arun auf der anderen Seite des Chao Praya ist um Längen schöner. Ein Glück, er steht bei den genannten Top 10 auf neun. Acht ist mein persönliches Higlight: das Jim-Thompson-Haus. Dafür ist der Rest Mainstream, so wie das ganze Büchlein. Ist nun mal ein Kurzreiseführer, da kommt auch die Khao San Rad zu kurz: “Eine bei Rucksackurlaubern beliebte Straße mit günstigen Unterkünften, Buden, Souvenirläden und Restaurants.” Das war’s ? Und gibt’s so etwas wie Rucksackurlauber? Anyway: Immerhin ist das New Siam II als gute Unterkunft genannt, dem kann ich nur zustimmen. Ansonsten aber bleibt das Büchlein reichlich an der Oberfläche und wird somit nicht in meine Top 10 der Bangkok-Reiseführer aufgenommen.

Fazit: Oberflächlich, Mainstream, hier gibt’s keine Überraschungen. Nix für die Khao-San-Community.


“Zeit für Bali– Die schönsten Traumziele zum  Wohlfühlen” von Kay Maeritz und Jochen Müssig

So a schönes Buach, ja mei. Wohlfühlen auf Bali in Wohlfühlbildern untermalt mit Wohlfühltexten. Wer sich also auf Bali wohlfühlen will, ist hier gut aufgehoben. Und dass Singapore Airlines gelegentlich genannt wird, macht wirklich nichts. Denn Müssig bedankt sich im Abspann ja ganz artig bei den Kollegen der fliegenden Zunft für die “großzügige Unterstützung”. Auch die lokales Upperclass-Hotel-Szenerie hat den Fotografen Kay Maeritz und Jochen Müssig, seines Zeichens Autor für die “Süddeutsche Zeitung”, offensichtlich großzügig unterstützt. Die Inhouse-Fotostrecken auf jeden Fall sind überwältigend. Irgendwann kann ich mir auch mal einen Aufenthalt in solch’ einer 5-Sterne-Location leisten. Solange aber erfreue ich mich an den hübschen Bildern und den hübschen Geschichten, die die beiden über Bali erzählen.

Fazit: Wohlfühlen auf Bali in Wohlfühlbildern untermalt mit Wohlfühltexten.


“So leben wir – Menschen am Rande der Megacitys” von Jonas Bendiksen

Klar, seit “Slumdog Millionaire” sind wir alle angefixt vom Leben im Slum. Hat ja schon irgendwie was wild romantisches. Und die Kameradschaft dort, oh ja. Aber vergesst das alles mal und schaut in das Buch. Der Magnum-Fotograf Jonas Bendiksen hat sich die Slums in Caracas, Nairobi, Mumbai und Jakarta reingezogen, monatelang recherchiert und fotografiert und dann das Ganze in 360-Grad-Aufnahmen gegossen. Er zeigt so, unter welchen Umständen die Menschen, ganze Familien, dort leben, in ihren Behausungen, umgeben von ihren wenigen Habseligkeiten. Die Aufnahmen zeigen jeweils den gesamten Innenraum, alle vier Wände und werden im Buch wie ein Altar aufgeklappt. Das ist eine richtig gute Idee, Hut ab. Gleichzeitig lässt er die Menschen zu Wort kommen in wenigen, präganten Zeilen. Sehr schön. Wir sehen die Gemeinsamkeiten des Elends rund ums Slumleben auf der ganzen Welt. Wir spüren aber auch die Würde, mit der die Menschen das Beste aus der Situation machen. War und bin beeindruckt.

Fazit: Beeindruckende Aufnahmen, Beeindruckende Menschen. Beeindruckendes Buch.



“Die letzten Tage von Hongkong” von John Burdett

Irgendwie komme ich um John Burdett nicht herum, wenn’s um Krimis aus Süd-Ost-Asien geht. Seine Bangkok-Thriller habe ich fast alle durch, jetzt hat mich Burdett nach Hongkong eingeladen. Nicht ohne einen Hinweis auf seine eigentliche Leidenschaft, Thailand, zu hinterlassen: Die Ex-Freundin unseres Helden schickt ihm eine wütende Postkarte, “diese Karte hatte sie aus Ko Phangan am Golf von Thailand geschrieben: ‘Du gehst mir überhaupt nicht ab’.” Nicht nett, aber Chan, der Held der Geschichte ist es auch nicht. Eigentlich sind alle in dieser überbordenen Story rund um Rauschgift, Triaden, Korruption, Macht, Verrat und Liebe nicht nett. Einige sterben und werden durch einen Fleischwolf gedreht. Das ist originell. Vieles aber ist ein typischer Burdett: “Too much”. Er packt immer alles rein, was seiner Ansicht nach geht. Und wieder muss ich sagen: 100 Seiten weniger, dann wären aus 500 Seiten 400 geworden, der Geschichte und dem Erzählfluss hätt’s nicht geschadet. Gut sind, auch wie immer, seine Ortskenntnisse. Hier können Leser und Besucher die Städte klasse kennenlernen und mitlaufen, wie in Bangkok, so auch in Hongkong. Kein Wunder: In Hongkong hat Burdett etliche Jahre gelebt.

Fazit: Gute Einführungslektüre für ein paar Tage in Hongkong. Die Story einfach so mitnehmen, sie ist gut für ein paar Tage Unterhaltung.


“Mitsukos Restaurant” von Christoph Peters

Nach dem Abi machen sich de Jungs auf den Weg nach Düsseldorf, um endlich mal japanisch zu essen. Dass das Essen teuer ist, das hatten sie gewusst. Aber gleich so teuer? Sie gehen lieber “gewöhnlich” essen. Doch Achim ist angefixt. Und irgendwann begegnet ihm dann die perfekte japanische Küche mit einer perfekten japanischen Köchin in einem Wandererheim irgendwo am Ende der Welt. Er verliebt sich in die Küche, in die Köchin, in die japanische Kultur. Schöne Geschichte das. Wunderbar erzählt, leicht und einfühlsam ohne Ende, fast schon ein bisschen weise. Und Peters Beschreibungen der Essenszubereitung, der japanischen Teekunst und auch – ganz nebenbei – der zwischenmenschlichen Beziehungen machen viel Freude, alle 415 Seiten lang. Habe es in einem Zug durchgelesen und genossen. Klar, dass ich “Mitsukos Restaurant” meinem alten Prof empfehlen werde, der seit etlichen Jahren auf dem Teeweg unterwegs ist. Er wird seine helle Freude haben.

Fazit: Gut, sehr gut, klasse zum Lesen, Erkenntnisse garantiert, Schmunzeln inklusive.

“Der buddhistische Mönch” von John Burdett

Zwei Dinge haben mich diesmal gefreut: Burdett benutzt das Wort “Nahtoderfahrung” (s. 180) und ein nettes Zitat zum Buddhismus: “Bis vor kurzem hatte ich keine Ahnung, wie begrenzt Theravada ist. Wollte ich mich heute ordinieren lassen, würde ich es vermutlich in Dharamsala tun, wo der Dalai Lama lebt” (S. 227). Kenne ich beides: die Nahtoderfahrung hinten auf einem Bangkoker Motorrad-Taxi und den tibetischen Buddhismus, über den ich meine Diplomarbeit gewürgt habe. Ja und Burdett ist wohl der Farang-Spezialist für Krimis, die in Bangkok spielen. Wenn man sich erstmal an seinen Stil gewöhnt hat, gehen die Bücher und geht vor allem “Der buddhistische Mönch” gut runter. Des Helden Ex-Geliebte, eine Prostituierte wird vor laufender Kamera umgebracht und Sonchai macht sich auf die Suche nach den Machern des Snuff-Movies. Dabei entdeckt er logischerweise weitere Bangkoker Abgründe, sympathisiert mit seinem korrupten Chef, liebt eine FBI-Agentin, die eigentlich nur eine Freundin ist und und und. Man merkt: Es geht einiges ab im Buddhistischen Mönch, der natürlich auch eine, die ausschlaggebende Rolle spielt. Lassen wir den unglaubwürdigen Showdown im Kambodschanischen Dschungel mal weg, dann ist Budett en feines Buch gelungen. Eben gut für das Durchlesen in einem Zug …

Fazit: 1A-Einführungslektüre für ein paar Tage in Bangkok. Am besten in einem Zug auf einem stinklangweiligen Thai-Airways-Flug zu genießen.

“Liebe und Tod auf Bali” von Vicky Baum

Also, das Buch hat mich gefesselt. Kann ich einfach so platt behaupten. Vicki Baum bietet eine Einblick in balinesisches (Alltags-)Leben, wie ich ihn sonst noch nicht gesehen und erlebt habe. Sie gestaltet Charaktäre, spinnt Handlungsfäden, zeigt das tägliche Leben um Dorf und im Reisfeld und, und das ist das Geniale, macht noch eine spannende Story daraus. Irgendwann logisch, dass der Fürst sich und seine ganze Meute in den Selbstmord treibt (aber da sind wir schon am Ende). Neugierig hat mich das Buch gemacht. Neugierig darauf, wieviel wirklich vom kolonialen Erbe und dem Leben unterm holländischen Kolonialismus übrig geblieben ist. Denn Bali schafft alle, ist eine der zentralen Messages. Mythen, Geister und die wohltuende Routine des Alltags im Dorf heilen alle Wunden. In ihrer Zeitlosigkeit überleben die Balinesen die weißen Einflüsse. Sie wissen, dass das Leben aus dem Reisfeld kommt, dass Nachts die Dämonen unterwegs sind, und wenn es Probleme gibt, ein Orakel weiterhilft. Menschen werden geboren, Menschen sterben, aber das sind nur Randnotizen. Der Reis muss gepflanzt, gepflegt und gepflügt werden, die Familien braucht ein Haus, das Dorf braucht einen Tempel, der Tempel braucht einen weisen Mann. So einfach ist das. Die Geschichte vom gestrandeten Schiff, dass letztendlich zum Krieg führt, gibt den roten Faden vor. Der Einmarsch der Holländer kreiert das Bild des Kolonialismus ist Süd-Ost-Asien, der Massenselbstmord im Palast steht für geistige Unabhängigkeit, die durch die Macht der Waffen nicht gebrochen werden kann. Gut! Vicki Baum hat auch “Hotel Shanghai” geschrieben. Das hole ich mir. Mal sehen, ob ihr Shanghai mit meinen Erlebnissen von 2006 zusammenpasst.

Fazit: Einwandfrei. Sollte Pflichtlektüren werden für alle Bali-Reisenden.

“Bali” von Alexander Nadler bei Iwanowski

Ist schon ein paar Takte alt, die letzte Ausgabe: 3. Auflage 2006. Manchmal merkt man es, wenn beispielsweise der historische Teil 2001 aufhört, um dann erst auf den blauen Seiten “NEWS aus Bali” wieder aufgenommen zu werden, um dort wiederum 2006 zu enden. Nun, 2007 war ich das letzte Mal auf Bali, hab’ also einen kleinen Informationsvorsprung. Beachtlich bei den Führern von Iwanowski ist immer die Fülle an Informationen. Da kann ich nur jedesmal aufs Neue staunen. Und manchmal blitzt sogar ein sprachliches Highlight durch. Das Buch ist gut lesbar, gut strukturiert, ordentlich recherchiert, interessant. Das Engagement von Autor Alexander Nadler ist immer spürbar. Leider hat er nichts, aber auch gar nichts übrig für Rucksackreisende: “Wer im Hotel unterkommt (…) ist mit einem stabilen Hartschalenkoffer (…) sowie Koffern und Taschen aus strapazierfähigem Kunststoffgewebe bestens bedient, wobei letztere vor allem Leute mit wenig Gepäck zu empfehlen sind, da sie so das negative Image des Rucksacktouristen vermeiden.” (S. 237) Na ja, das kann ich so nicht unterschreiben. Die größten Assköpfe, beispielsweise in Kuta, sind Australier und die kommen meist mit dem Hartschalenkoffer. Das Lamento begegnet uns aber noch an mehreren Stellen. Ansonsten ist der orangene Teil des Führers “Allgemeine Reisetipps von A-Z” eine Fundgrube an alltäglichen, balinesischen Weisheiten: “Meiden Sie in den Bussen nach Möglichkeit die beiden vordersten Reihe und Plätze auf den Achsen.” “Den besten Schutz vor möglichen Infektionen bietet immer noch die Einhaltung der nowendigen Hygiene.” Aber, klar, auch das muss gesagt werden. Und auch dass Mann nicht so viel Alkohol trinken soll bei der Hitze, genau. Also: Richtig gut ist “Bali” bei ausführlichsten Beschreibungen des täglichen Lebens, der “zeitlosen” Attraktionen, Museen und Highlights. Dünner wird’s bei der Beschreibung der Kneipenwelt, der Losmen (billige Unterkünfte) und des Rucksacker-Lebens auf Bali. Dafür habe ich mich bei Nadlers Beschreibungen beispielsweise von Ubud und Kuta sehr gut aufgehoben gefühlt.

Fazit: Auch hier zeigt sich wieder, dass die Iwanowski-Reihe für Planung und Recherche im Vorfeld einer Reise klasse ist. Habe etlichen Themenanregungen für den nächsten Bali-Gig und mein nächstes Buch mitnehmen können. Für Backpacker ist “Bali” vielleicht eine Nummer zu ambitioniert …

“Terrorist” von John Updike

Zugegeben: Mit den “Hasenherz”-Geschichten konnte ich nicht so viel anfangen. Aber dann ist mir letzten Freitag am Berliner Alexanderplatz in einem Billigbuchschuppen John Updikes “Terrorist” begegnet. 5 Euro statt 16, der Rückweg an den Bodensee stand bevor, also kaufen. Dass die Rowohlts das Ding verramschen, kann ich ihnen nicht verdenken. Denn die 1. Ausgabe ist absolut miserabel lektoriert. Daher nur 5 Euro. Aber lesenswert ist “Terrorist” allemal: Updike ist der Meister der Annäherung. An Menschen, an Situationen, an Charaktäre. In einem wunderbaren, von mir eh geschätzen, amerikanischen, lakonischen Stil. Parallel laufende Storys finden locker zum Großen Ganzen und über die Geschichte von Ahmed, der langsam aber sicher zum Terroristen mutiert wird, zeichnet Updike ein Gemälde der paranoiden Vereinigten Staaten nach Nine Eleven. Er portraitiert ein kaputtes System, leidende und mitleidende Menschen, und am Ende ist uns Ahmed als bombenbringender LKW-Fahrer fast ein wenig sympathisch. Er scheint in seiner Konsequenz noch der normalste Mensch im Roman zu sein. Kann mir gut vorstellen, dass das Buch, das als eines der wichtigsten Bücher Updikes gilt, in den USA nicht sonderlich gute Aufnahme fand. Updike starb am 27. Januar 2009, schade.

Fazit: Allein sprachlich ist “Terrorist” richtungweisen, die Story spannend und bereichernd.
Hut ab vor Updike, kaufen und durchlesen.

“The Elephanta Suite” von Paul Theroux.

Theroux ist ein genialer Autor. Quasi der Mensch, der die Reiseerzählung hoffähig gemacht hat. Kumpel von Chatwin, Vielschreiber, Weltreisender. Habe alle seine Reiseberichte gefressen. Viel aus seiner Feder ist nonsens, wie beispielsweise “Dr. Slaughter” oder seine Sci-Fi-Storys, aber seine Reiseberichte sind erste Sahne. Und jetzt also “The Elephanta Suite” (bisher leider nur auf Englisch). Die Elephante Suite ist in einem Hotel in Mumbay, um sie dreht sich die Welt der Weißen, die sich mit Indien konfrontiert sehen. Im Business, als Yoginis, als Suchende. In Indien beginnt alles, in Indien endet alles. Theroux schickt seine Menschen los, und lässt sie Indien erleben. Alle bleiben auf der Strecke: Sie sterben, verzweifeln oder verschwinden. Und dass es so kommt, ist absolut logisch, ist Indien. Glaube, Liebe, Hoffnung: Lass es fahren, ist Therouxs Message. Und er bietet wenig Trost. Therouxs Sprache ist genial einfach, einfach genial. Die Dialoge sind pointiert und einfach richtig. Hier glaube ich, Therouxs Genie zu spüren. Was er schreibt, stimmt. Jeder Satz, jedes Wort. Was er schreibt ist literarisch vom Feinsten, es beeindruckt, regt zum Nachdenken über das Menschsein an, ist einfach gut. “This is India with a human face”, schreibt der “Tatler” in einer Kritik. Stimmt!

Fazit: Kaufen, unbedingt. Und intensiv lesen, erfahren, spüren.

“In der Hitze des Dschungels” von Craig Thomas

Seite 289. Seite 289 ist die Seite, aus der ich aussteige. Immerhin lägen noch 190 vor mir, und die Spannung sollte jetzt steigen. Denn unser Held “Hyde” ist endlich in Burma angekommen, der Showdown naht. Oh ja, Showdown: Ein Reißer soll das sein, spielt in Bangkok, Penang, London, Mandalay und Konsorten, quasi “in der Hitze” und im Dschungel auch noch, teufel, teufel. Aber, und das ist eine alte australische Wahrheit: “There’s always a bud”, das Buch packt mich einfach nicht. Ist es die schlichte Übersetzung, das recht verkorkste Setting, ich weiß es nicht. Ich hab’s probiert. 289 Seiten lang, immer auf den Knaller wartend. Und jetzt ist genug. Das Ding hätte ich sogar am Pool im New Siam IV weggelegt und dann eingetauscht. Zum Glück kam’s bloß vom amnesty Bücherflohmarkt hier in Friedrichshafen. Sechs Kilo Bücher für zwölf Euro – bargain! Ich greife nach dem nächsten Kilo und werde berichten.

Fazit: Kannste knicken!

“In 80 Tagen um die Welt” von Helge Timmerberg

Alt ist er geworden, verhärmt, traurig. Macht sich auf die Socken, um mindestens 80 Tage von Berlin wegzubleiben, dabei die Welt zu umrunden. Helge Timmerberg ist unterwegs, vielleicht das letzte Mal: “Ich sah nach oben und ging nach vor. Ich träumte im Kreis. Vorbei. Das Spiel ist aus. Eine einfache Wahrheit hat Schluß damit gemacht. Reise ist Leben. Und Leben ist Leiden. Es macht keinen Unterschied. Gehen oder bleiben.” Ja, Timmerberg hat seinen Buddha verstanden und kehrt daher mit gereinigter Seele nach Berlin zurück. Und dort entdeckt er, dass die ganze Welt hier ist. Er muss nicht mehr weg. Da hat er nicht unrecht, aber er ist noch zynischer geworden, noch fatalistischer. Nach wie vor geniale Schreibe, aber alles so traurig. Vielleicht gibt Timmerberg jetzt den deutschen Nooteboom, wir werden sehen. Ach ja: Natürlich kommt er auf seinem Trip auch in Bangkok vorbei und erklärt uns die Soi Cowboy. Das immerhin, das ist nicht schlecht.

Fazit: Fühlst Du Dich zu alt zum Reisen und wirfst gerne einen ironischen Blick auf die reisende (Mit)Welt, dann kaufen.

“Bangkok – Urban Identities”

… sieht nicht nur gut aus und macht sich prima auf dem Tisch. Nitschs Bilder haben eine Message: “Peter Nitschs Fotografien dokumentieren das Leben auf den Straßen von Bangkok mit einem eigenen, fast intimen Blick auf die Stadt: Im Mittelpunkt steht der Mensch im urbanen Umfeld der Metropole. Die Bilder zeigen Szenen, Gesten, Typen: einen alten Friseur, einen Rahmenmacher, die typische Suppenküche oder eine Buddhagirlandenverkäuferin bei Nacht. Sie alle stehen für den Versuch, in einer sich globalisierenden Stadt ein Stück thailändische Identität zu bewahren.” Das gelingt ihm meiner Meinung nach ganz hervorragend, authentisch und vor allem mit einem guten Händchen und einem guten Feeling für die Szenen, für die Stadt. Lieber wär’s mir also, ich könnte ein paar seiner Bilder in meine Präsentation einbauen …

Fazit: Sieht gut aus, fasst sich gut an, astreine Arbeit, auch schon mehrfach ausgezeichnet – verständlich.

“Wallpaper City Guide Bangkok”

Nur auf englisch, gut in der Hand, gut anzuschauen: das Bändchen “Bangkok” aus der Wallpaper-Reihe. Für wen das Teil gut ist? Das zeigt sich schnell. Ein Beispiel: Der gute alte Iwanowski “Thailand mit Phuket” (s. u.) zeigt auf den grünen Seiten, Kosten sind das Thema, eine Vergleichstabelle “Preisbeispiele für einzelne Gerichte in einem durchschnittlich teuren Restaurant”. Da gibt’s Salat, Suppe, Pancake, eine Tasse Kaffee oder eine Flasche Bier (0,33). Also alles, was reisender Mensch so zum Überleben braucht. Schauen wir in den Wallpaper-Guide: “Cost of Living” beginnt mit der Taxifahrt vom Flughafen zum Stadtzentrum, steigert sich über den “Cappuccino”, das “Packet of Cigarettes” bis hin zu – jetzt kommt’s “Bottle of Champagne” (für 69 Euro). Das muss man mögen. Ansonsten aber sind wirklich gute Fotos drin von wirklich guten Locations in Bangkok, von denen wiederum ich mir sicher ein paar anschauen werde. Auch wenn die vorgeschlagenen Hotels völlig unerschwinglich sind, die Restaurants fast unerträglich stylish und die Shops grandios hip. Ein Satz aus dem Büchlein noch, und da kann mein Lieblingsguesthouse New Siam I kaum mithalten: “And, as a general rule, try to dine, drink and dance outside your hotel, but make it your refuge for spa, pool, and teatime.”

Fazit: Wenn Du ein hipper Yuppie bist, Kohle ohne Ende hast: kaufen und überall Gleichgesinnte treffen.

“Same same, but different!”, Fotografien von Thomas Kalak

“Wie ein Forscher spürt Kalak seit 1999 auf Bangkoks Straßen und Hinterhöfen Zeugnisse einer bisher unbekannten Alltagskultur auf, die viel über das Leben dieser Stadt erzählen, über den Einfallsreichtum und die Improvisationskünste der Thailänder”, sagt Remo Masala im Vorwort zum Buch. Und er hat recht: Was ich in Worten versuche, macht Kalak mit Bildern. Guten Bildern, pointierten Fotos, Miniaturen, Stillleben und vor allem quergedachten (Aus)Blicken. Wer mal in Bangkok war, der wird grinsen. Wer hinwill, der wird sagen: “Was isn das?”. Und wenn sie/er vor Ort ist, wird sie/er verstehen. Ich sage nur: Zigarettenpackungen. Was die thailändische Regierung oder vielmehr das Gesundheitsamt an Grausamkeiten auf den Packungen abbildet, da fällt einem gleich der Reis wieder aus dem Gesicht. Thomas Kalak schießt das. Kommentarlos, stark. Oder eine selbstgemachte Tischtennisplatte, ein Fahrrad, das als Besen- und Wedelladen unterwegs ist, oder wilde Stromleitungen, gebändigt mit einem riesigen Kamm. Dazu ist das Buch auch noch handwerklich gut gemacht, die Bilder sind prima reproduziert.

Fazit: Unbedingt kaufen, schmunzeln, verstehen.

“Die Vögel von Bangkok” von Manuel Vázquez Montalbán

Das Buch ist zwar schon ein paar Jahre alt, 1983 im Spanischen veröffentlicht, 2002 auf Deutsch, aber es passt immer noch. Und ist ein großes Vergnügen, nicht nur als Urlaubslektüre. Man muss ihn einfach lieben, den durchgeknallten Helden Pepe Carvalho, seines Zeichens Privatdetektiv. Carvalho hat sein Revier in Barcelona, zum Kaminanheizen verwendet er Bücher aus seinem endlosen Bücherregal, seine Geliebte ist eine Prostituierte, seine Leidenschaft ist das Kochen. Carvalho also verschlägt’s nach Bangkok, obwohl er da gar nicht hin will. Aber eine alte Freundin, Teresa, steckt in echten Schwierigkeiten. Unser Held also zieht los, um Teresa zu retten. Wie’s ausgeht, und was die Vögel damit zu tun haben, wird hier nicht verraten. Nur so viel: Montalbáns  Beschreibung eines Wochenendmarkts ist einfach unübertroffen: ” (…) Pökelfleisch, Bronzefiguren, Fliegen, ausgespuckter Betel, grüne Reiskörner, süße, eitrige Dauerwürste, getrocknete, mumifizierte Tiere, Marktaufseher, bedrohlich und nervös wie ganze Herrscharen afrikanischer Heuschrecken, federleichte Pilze (…)” Und so geht’s weiter, da wird’s einem ganz warm ums Herz.

Fazit: Unbedingt lesen.

“Bangkok tattoo” von John Burdett

Ein richtig dickes Buch, so 400 Seiten rund. Und: 250 hättens auch getan. Harte Worte, aber durchaus angemessen. Die Story ist komplex, Prostitution in Bangkok ist ein Riesenspaß, und am Ende war´s weder Al Kaida noch der CIA, noch andere böse Jungs, die die guten Jungs umgebracht haben. Was mir am meisten auf den Zeiger geht: Burdetts vermeintlich sarkastisch, ironische Darstellung der alltäglichen Prostitution rund um Pat Pong. Denn sein Held ist Zuhälter, seine Mutter Puffmutter, der Polizeichef der Puffbetreiber usw. Überhaupt sind alle korrupt, alle böse, manche Bösen sind eben ein bisschen schlauer. Werden dabei aber nicht sympathischer. Zwei gute Sachen im Buch: die Übersetzung des Namens von Bangkok in aller epischer Breite ins Deutsche und die drei Seiten über die Khao San Road. Denn hier haust der Tätowierer, der am Ende eben …. Auf jeden Fall hat er Schulden, und dass die Gemordeten keine Haut mehr auf dem Rücken haben, das hat er zu verantworten. Burdetts Ortskenntnisse sind übrigens wirklich beeindruckend.

Fazit: Ok Schreibe, wenig Tiefgang, passende Urlaubslektüre für Bangkok.

“Tiger fressen keine Yogis” von Helge Timmerberg

Anno 1987 war’s, wir hatten gerade ein recht schlampiges Abi hingelegt, da sind wir in den VW-Bus gesprungen und haben uns auf in die Türkei gemacht. Drei Jungs, ein Bus, etliche tausend Kilometer. Ein Station war, na klar: Istanbul. Und, ebenso klar, schräg gegenüber der Blauen Moschee nächtigen, den “Puddingshop”, in der Nähe. Der “Puddingshop” ist eine Toilette, “bestialisch zugeschissen und nicht abschließbar ist dieses historische Scheißhaus der Hippiebewegung (…)”, sagt Helge Timmerberg. Und damit sind wir beim Thema. Timmerberg ist ein hervorragender Schreiber mit einer extrem starken Sprache. Eigentlich immer ein Lesevergnügen. Eigentlich, denn manchmal ist er selbstverliebt, verliebt in seine Sprache. Er weiß, das er es kann, daher lässt der häufig den Tiefgang missen. Denn das Wesen der Reisereportage sollte sein, nicht nur das Erlebte zu erzählen, sondern mit Facts, Ansichten, Geschichten zu unterfüttern. Das vermeidet Timmerberg in eigentlich jeder der 27 Stories. Wenn es anfängt, mich zu fesseln, steigt er aus. Gerade die “Straße nach Indien” über Türkei, Iran und Pakistan hätte mich jetzt wirklich interessiert. Wenn er denn …, siehe oben. Ansonsten: nette Drogengeschichten, über Sex schreiben mag er auch ganz gerne. Das ist doch was.

Fazit: Klasse Schreibe, wenig Tiefgang, gute Urlaubslektüre.

“Thailand mit Phuket” von Roland Dusik, Reisebuchverlag Iwanowski 2008 (ganz neu)

Ja mei hat der Mann sich eine Arbeit gemacht. Das Buch ist derartig ausrecherchiert, dass ich keinen Haken gefunden habe. Na ja: fast. Irgendwas zum Mäkeln gibt es immer. Aber ernsthaft: Wenn es in einem Reiseführer darum gehen soll, dass ich a) vorher mich schlau machen kann, b) während des Aufenthalts in der Ferne mich soweit wie möglich zurechtfinde und c) wieder in der Heimat alles nochmal nachschlagen kann, dann ist “Thailand mit Phuket” ein echtes Vorbild. Habe das Teil von vorne bis hinten gelesen, und mir ist nicht langweilig geworden.

Aber, klar, er ist einfach einen Kick upperclassiger als unsere Freunde von “Lonely Planet”. Beispielsweise startet Dusik bei den Übernachtungsmöglichkeiten in der Khao San mit dem “New Siam III” als günstiger Unterkunft. Dabei gibt’s auch noch New Siam I und New Siam II (und seit neuestem noch das “New Siam Riverside”). Und ich bette mein Haupt am liebsten im New Siam I. Nicht gut genug? Auch scheint in der Karte auf Seite 151 das New Siam III an der Stelle des New Siam II eingezeichnet zu sein. Aber das ist dann wirklich Korinthenkackerei.

Was noch? Ein wenig in den Eselsohren, die ich reingeknickt habe, geblättert. 13 sind’s. Ah ja, Seite 108 Flughafensteuer: Entweder haben sie vergessen, uns abzukassieren, oder es gibt sie in der Tat in Suvarnabhumi nicht mehr. Nichts genaues weiß man nicht. Bin auf jeden Fall im März 2008 auf den 1.400 Baht für zwei Nasen sitzen geblieben. Selbige bringe ich aber Ende Oktober unter die Leute.

Dass das Mah Boon Krong Foodcenter der Hype ist, ist auch Dusik nicht entgangen. Nur findet man das Teil jetzt bald in jedem Reiseführer, und bald sitzen nur noch Farangs und Reiseführerautoren drin;-)

Und das soll alles sein, Meister Blank? Nun denn: Ich bin nur oberskeptisch bei den Locations, die ich sehr gut kenne. So fehlt bei den Unterkünften auf Kho Samui in Chaweng unbedingt “Charly’s”. Es sei denn, die haben das Ding jetzt zugemacht. Wäre auch nicht so schlimm. Dafür sind auf Kho Phangan meine alten Freunde von “Sun Cliff” in Hat Rin drin, da werden sie sich freuen. Ist aber auch ein netter Spot. Bei der Aufzählung der Tauchspots rund um Kho Tao könnte der “Sail Rock” noch mit rein mit seinem tollen “Loch im Fels, durch das man rauf oder runter durchtauchen kann”, je nach Mut oder Talent.

Da Dusik es auch noch geschafft hat, die Khao San Road als “Mekka der Backpacker” mit reinzupacken gibt’s nur ein Fazit:

Fazit: Du willst nach Thailand? Dann kaufen!

“Nichts und Amen”

Starker Tobak ist das Buch von Oriana Fallaci (gestorben am 15. September 2006). Adam Wist, der Mann mit dem Fahrrad, der mit selbigem schon überall auf der Welt war, hat mir vor einiger Zeit das Buch geschenkt. Weil es ihn bewegt hat, weil es bewegend sei. Stimmt.

Anfang der 1970er schrieb sich die italienische Kriegsreporterin Oriana Fallaci den Vietnamkrieg vom Leib. Den Wahnsinn, das Perfide, das Chaos. Schaut Euch “Apocalypse Now” an, lest dann das Buch und: Es war wirklich wie im Film, nur noch schlimmer.

Man muss nicht das ganze Buch lesen, um zum überzeugten Pazifisten zu werden. Daher ist nur eine Empfehlung möglich:

Fazit: Unbedingt lesen!

Video Night in Kathmandu

Nach meiner Lesung am 6. Juni im Friedrichshafener Kiesel kam eine Kollegin auf mich zu und meinte voller Stolz: “Ich bin auch Traveler!” Ich wusste jetzt nicht, ob ich ihr gratulieren soll. Das war aber nicht nötig, denn sie beschwerte sich gleich, dass Lonely Planet den neuen Guide über einen Trail in den USA – von dem ich noch nie gehört hatte – trotz Ankündigung noch nicht herausgebracht hat. Leider leider konnte ich ihr da wirklich nicht weiterhelfen. Da müsste sie bei der BBC nachfragen, die Lonely Planet ja anscheinend für 100 Millionen Dollar übernommen haben.

Anyway: Sie empfahl mir ein Buch “Video Night in Kathmandu“, Autor wüsste sie gerade nicht.

Der Schreiber heißt Pico Ayer, er ist ein recht smarter Bursch, in England geboren, von indischer Abstammung, der quasi an allen Eliten-Unis der USA studiert hat, und er schreibt auch so. Das Buch erschien 2001 beim Bloomsbury, und ich hab´s bei amazon gefunden.

Auch wenn die Kiste teilweise sehr akademisch ist, ist das Buch eine Bereicherung für die Leute, die sich mit Asien und Konsorten ein wenig auseinandersetzen. Ayer spannt mit seinen Besuchen und Analysen den Bogen von Bali über China und die Philippinen, Burma und Hong Kong bis zu Thailand und Japan. Er beschreibt die dortige Welt und die Wahrnehmungen. Sein Fazit ist passend, allerdings mehr als 20 Jahre alt. Aber gerade was Thailand angeht, bin ich seiner (zeitlosen) Meinung: “As for Nepal, and Thailand even more, both gauged Western tastes so cleverly and adapted Western trends so craftily that both, I felt, could satisfy foreigners’ whims without ever becoming their slaves.”

Fazit: lesenswert.